Jasmin John: «Rosenduft hilft beim Loslassen»

Leben und Sterben begleiten eine Mutter. Jasmin John ist 48 Jahre alt, hat vier Kinder, alle erwachsen. Eine Tochter, zwei Söhne – und im Himmel eine Prinzessin. Sie wäre dieses Jahr zwanzig geworden.

Jasmin John: «Rosenduft hilft beim Loslassen»

4. August 2020 0
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Leben und Sterben begleiten eine Mutter. Jasmin John ist 48 Jahre alt, hat vier Kinder, alle erwachsen. Eine Tochter, zwei Söhne – und im Himmel eine Prinzessin. Sie wäre dieses Jahr zwanzig geworden.

Jasmin John, geborene Norelli, gelernte Coiffeuse, entschloss sich als 38-Jährige, Sozialpädagogin zu werden. Derzeit arbeitet sie in der agogischen Leitung des Wohnheims Neufeld, Buchs. «Dort bin ich zuständig für den Bereich Wohnen, Ordnung und Pflege, zudem betreue ich die Aussenwohngruppen. Dazu gehören die ständige Auseinandersetzung mit dem Leben, mit dem Sterben und vor allem die Lebensqualität einzelner Bewohner, Bewohnerinnen.»

Darüber wollte sie mehr wissen. Jasmin John ist eine neugierige Frau. Sie wollte lernen, Menschen in ihrer letzten Lebensphase optimal zu betreuen, zu begleiten. «Heute weiss ich, welche Düfte, welche Farben Schwerkranken die letzte Lebensphase erleichtern. Wobei die Mischung all dieser Dinge sehr individuell ist. Je besser ich die Person kenne, desto gezielter kann ich Farben, Düfte einsetzen.» Ein Beispiel? Die Sterbebegleiterin denkt etwas nach, sagt dann: «Rosenduft etwa kann beim Loslassen helfen.»

Vor zwei Jahren, 2018, belegte die Sozialpädagogin einen Interdisziplinären PalliativeCare- und organisationsethischen Lehrgang der Universität Heidelberg in Zürich. Erfahrungen als Sterbebegleiterin, als Betreuerin Schwerkranker hatte Jasmin John im nächsten Umfeld gesammelt.

Als Siebenjährige der Endlichkeit begegnet
Erstmals konfrontiert mit dem Tod, resp. mit der Endlichkeit des Lebens wurde Jasmin als Siebenjährige. Es war 1979/80. Die Mutter litt an Leukämie, lag im Unispital Zürich und machte eine Hirnblutung. Ein Pfarrer spendete ihr die Krankensalbung, damals noch Letzte Ölung genannt. Die Mutter wurde grösstenteils wieder gesund.

Das ging sieben Jahre gut, dann der Rückfall. Jasmin Johns Mutter erkrankte ein zweites Mal an Blutkrebs. Ihre Schwester spendete Knochenmark. Das half. Die Kranke konnte erneut relativ gesund werden.

«2013 war ihre Zeit vorbei», sagt Jasmin John. «Mama erkrankte an einem bösartigen Hirntumor, war lebensfroh, erlitt ein Schlägli nach dem anderen. Aber sie war überzeugt, sie würde 100 Jahre alt.» Wurde sie nicht. «Als ich hörte, die Lebenszeit würde nur noch wenige Tage oder Wochen dauern, fuhr ich sofort ins Spital. Ansprechbar war sie bald nicht mehr.» Jasmin blieb immer wieder einige Tage und Nächte bei ihr. Es sei eine inspirierende, eine besondere Zeit gewesen, sagt sie. «Am 4. Oktober heiratete ich, am 5. wurde ich 42 Jahre alt und am 6. Oktober starb Mama mit nur 60 Jahren. Es war, als hätte sie gewartet. An diesem letzten Nachmittag erzählte ich ihr von der Hochzeit, wir hörten Schlager aus den 70er-Jahren. Als sie starb, hielt ich sie in den Armen.»

In der Hospizgruppe an Lebenserfahrung wachsen
2018 meldete sich Jasmin John bei Agnes Schuhmacher aus Wangs und bei Ines Grünenfelder aus Sargans. Sie wollte sich in der Hospizgruppe engagieren, wollte Erfahrungen sammeln und Gelerntes weitergeben. Sie erzählt von bereichernden Erfahrungen. Etwa von einer sterbenden Dame, deren blaue Augen jeweils strahlten, wenn sie ihr Zimmer betrat.

Derzeit begleitet Jasmin John einen trauernden Mann. «Ich traf ihn, wir redeten sehr Persönliches. Seine Frau starb plötzlich, und er ist nun allein mit seinem Kummer. Ich höre ihm zu, zeige Verständnis. Das tut ihm gut. Wir treffen uns einmal die Woche und telefonieren regelmässig. Der Mann betet jeden Tag um Erlösung. Ich verstehe diese Leere, er sieht für sich keine Perspektiven mehr, jedoch hoffe ich, mit ihm mehr Lebensqualität und eine neue Lebensperspektive zu erarbeiten.»

2019 wurde die Vilteserin in den Vorstand gewählt des Wohnheims St. Josef in Weesen. Dort leben eher ältere Frauen mit kognitiven Beeinträchtigungen und betagte Schönstätter Marienschwestern, denen diese Institution gehört. «Ihnen war meine Palliativausbildung sehr wichtig.»

Die Prinzessin im Himmel
Zwanzig Jahre ist es her, als Jasmin John ihre Tochter verlor. Früher Kindstod. Der Schock hielt lange an. Die damals Alleinerziehende und ihre drei Kinder litten.

Jasmin John sagt, sie hätte total zugemacht. «Ich haderte mit Gott und meinem Schicksal. Alles verdrängt habe ich.» Sie macht kurz Pause. «Bis zum Tag, als ich in einer Pizzeria ein Kind sah, das meine Tochter hätte sein können. Ich liess das Besteck liegen, eilte nach Hause. Mir war klar, ich muss mich mit dem Tod meiner Prinzessin auseinandersetzen. Eine paradoxe Situation wars. Ich liess mich damals in der Höheren Fachschule für Sozialpädagogik in Zizers zur Fachfrau ausbilden. Ich, die ich haderte, musste mich in dieser christlichen Schule mit der Bibel auseinandersetzen, mit Glauben und Spiritualität.»

Sie lächelt, sagt: «Gut erinnere ich mich an mein Referat über den frühen Kindstod. Ein wunderschöner Moment. Dunkel wars im Raum, auf den Tischen flackerten Kerzen. Als ich geendet hatte, bliebs lange still. Dann applaudierten die Zuhörenden.»

Weiterbildung in Spiritual Care
Angst vor dem Sterben hat Jasmin John nicht. «Eher fürchten mich die Umstände, wie es zu Ende gehen kann.» Ob sie an ein Weiterleben nach dem Tod glauben soll, weiss sie nicht so recht. «Das klärt sich vielleicht mit meiner nächsten Weiterbildung. Dann gehts um Spiritual Care.»

Im Umgang mit Sinnfragen spielt Spiritualität eine wichtige Rolle, ebenso bei der Bewältigung existentieller Krisen und kritischer Lebensereignisse. «Ich bin mir sicher, wir können die Spiritualität als Ressource der Lebensbewältigung nutzen. Deshalb werde ich spirituelles Wissen in meiner beruflichen Tätigkeit einsetzen, es in die Freiwilligenarbeit integrieren.»  (MS, 14. Juni 2020)

 


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