Sabina Kressig-Speranza: «Die Berge schenken mir Geborgenheit»

Sabina Kressig-Speranza lebt mit ihrem Andy in Vättis. Für Zugezogene: zuhinterst im Taminatal. Da war der Autor noch nie.
Sabina erklärt die Lage des Bergdorfes so: »Nach Westen öffnet sich das wilde Calfeisental, wo St. Martin und der Gigerwaldstausee liegen. Schroff steigen die Felswände empor, Wasser stürzt durch enge Schluchten, und hinter jeder Kurve scheint die Bergwelt noch ein Stück näher zu rücken. Gegen Süden führt die schmale Strasse über den Kunkelpass nach Graubünden.«
Der Autor, er lebt als Zugezogener in Walenstadt, nickte eifrig, als Sabina sagte: »Ich wuchs zuhinterst im Muotathal auf und lernte früh, dass Felswände und Berge einen nicht einengen, sondern Geborgenheit schenken.«
Sabina Kressig ist 58 Jahre alt und kam als junge Frau nach Vättis. Logisch fühlte sie sich wohl – und wer sich zuhause fühlt, lernt Einheimische kennen. Andy heisst die grosse Liebe – mit ihm ist sie seit 34 Jahren verheiratet; Laura, 30, und Bastian, 29, heissen die Kinder des Paares.
Vor vier Jahren, die Kinder waren längst flügge, fühlte sich Sabina trotz Teilzeit-Job überfordert mit so viel Freizeit. Sie las in einem Zeitungsinserat der Freiwilligen-Organisation Benevol über die Hospizgruppe Sarganserland.
»Zu diesem Zeitpunkt arbeitete ich immer eine Woche lang und hatte dann eine Woche frei. Einen Teil dieser Zeit wollte ich verschenken.«
Warum gerade die Hospizgruppe, will der Autor wissen.
»Der Umgang mit Leben und Sterben war für mich immer schwierig. Ich fühlte eine Überforderung, wenn im Freundes- oder Bekanntenkreis jemand gestorben war. Davor wollte ich die Augen nicht mehr verschliessen, sondern einmal genauer hinschauen.«
Noch im Mutterleib erlebte Sabina den ersten einschneidenden Todesfall.
»Drei Monate vor meiner Geburt verunglückte mein älterer Bruder Riccardo tödlich. Er wurde nur drei Jahre alt. Eine Tragödie. Meine Mutter Sylvia war mit mir schwanger und verlor ihr Kind.«
Sabina erinnert sich an ein weiteres Kindheitserlebnis: »Ich war vielleicht fünf Jahre alt, als meine Mutter zusammengebrochen war. Ich dachte, sie sei tot, war ausser mir und versteckte mich.«
Aber auch Sabinas kindliche Neugier entdeckte den Tod. »Unsere Babysitterin, die Tochter des Sigristen, lebte neben dem Totenhäuschen, dem Chärchel – da schlichen wir uns immer wieder hinein, um die Toten zu betrachten.«
Zur Endlichkeit des Lebens sagt Sabina: »Das Leben ist endlich, das ist für mich kein Problem. Die Endlichkeit wird bei der Geburt gleich mitgeliefert.«
Sie hebt einen Finger. »Schwierig für mich ist es, wenn ich den Verlustschmerz bei den Hinterbliebenen sehe oder wahrnehme. Das tut weh.«
»Kannst du dich nicht abgrenzen?«
Sabina zuckt die Schultern. »Schwierig. Ich bin vermutlich eine Art überfordert, weil ich nicht weiss, was in dieser Situation von mir verlangt wird oder ob ich gar in eine Handlungsnot kommen könnte.«
Sie schweigt. Denkt nach. »Oft ertappe ich mich, dass ich schon fast emotionslos dabei bin – Sterben ist für mich normal und gehört dazu.«
Sabina wird einmal an einem Bett sitzen und jemanden begleiten, der in ihrer Anwesenheit stirbt. Ich frage, was das mit ihr machen könnte.
»Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht – es ist einfach so. Zum Zeitpunkt unseres Gesprächs habe ich erst wenige Begleitungen übernommen.« (Mitte Juli 2026)
Kannst du loslassen, fragt der Autor? Das Leben beispielsweise, einen geliebten Menschen?
Die Frage erschreckt Sabina nicht. »Ja. Das werde ich müssen. Aber … « Wieder hebt sie strahlend einen Finger. »In meinem Herzen sind sie noch da und ich sehe sie oder ich nehme sie mit, wenn ich an einem Ort bin, wo es ihnen gefallen würde.«
»Hast du eine klare Vorstellung davon?«
»Ja, da habe ich genaue Vorstellungen. Nehmen wir den Tag, als wir bei meinem Sohn Bastian auf der Alp Mädems zäunten, da dachte ich an meinen Vater. Ihm hätte es auf Bastians Alp gefallen. Solche Momente pflege ich. Auch wenn mein Bruder Geburtstag hat, schicke ich ihm ein kleines Happy Birthday in den Himmel.«
Nun folgt eine zentrale Frage. »Sabina, hast du Angst vor dem Sterben?«
»Ja, es gab eine Zeit, da hatte ich Angst vor dem Sterben. Ich war 24 Jahre alt, kaum verheiratet und habe mit dem drohenden Krebstod um mehr Zeit gepokert. Vier Jahre später habe ich Laura geboren, ein Jahr später Bastian – da habe ich schon um möglichst viele Jahre mit meinen Kindern gebetet.«
»Kannst du die Angst benennen? Was fürchtete dich?«
»Ich wollte noch nicht sterben, wollte die Kinder aufwachsen sehen, wollte sie begleiten, da sein für sie.«
»Jetzt ist diese Angst weg?«
»Ja. Ich geniesse es, zu leben, solange es etwas zu leben gibt.«
Zum Schluss des Gesprächs führen wir noch eine Art Interview.
Ist es in deinem Umfeld allen klar, dass das Leben unvermittelt zu Ende gehen kann? Dass ein Kind vor der Mutter geht?
Kein schöner Gedanke, wenn ein Kind vor uns geht. Ich hoffe sehr, dass es nie so sein wird. Passiert so etwas im Bekanntenkreis, reden wir darüber. Jede Meinung, jeder Gedanke zählt und wird gehört.
Mein Vater starb unvermittelt. Am Vortag machte er sein obligates Telefonat und am nächsten Morgen starb er an einem Herzinfarkt.
Glaubst du an ein Weiterleben nach dem Tod? Kommen wir wieder?
»Ich glaube an ein Heimkehren zu unserem Ursprung. Ob es da ein Wiederkommen gibt?« Sabina lacht fröhlich. »Wenn, dann packe ich diese Chance.«
Coole Antwort. Wo vermutest du den Ursprung?
Ich glaube fest, dass wir alle aus Materie bestehen und uns entschlossen haben, unsere Erfahrungen als menschliches Wesen auf der Erde zu machen – keine leichte Entscheidung, aber eine Entscheidung.
Auch glaube ich an eine höhere Macht, die uns führt, aber nicht dem Bodenpersonal.
Was macht’s mit dir, wenn ich dir sagen könnte, du schläfst heute Nacht still und friedlich ein? Für immer.
Ups, mein erster Gedanke dabei: Da würde sich meine To-do-Liste gleich verlängern und ich hätte gar keine Gelegenheit mehr zum Schlafen …
Was steht denn auf deiner To-do-Liste?
Es ist eher eine Wunschliste, wenn ich mir das genau überlege: Meine Kinder sollen glücklich sein, gesund bleiben und gute Partner haben.« Sabina seufzt. »Nonna möchte ich noch werden, Wale sehen und einen Englisch-Sprachaufenthalt machen.
Sie denkt kurz nach. Briefe schreiben möchte ich noch. An meinen Mann, an meine Kinder, meine Freunde.
Meine Unterlagen sollte ich noch durchgehen und ergänzen. Damit wirklich alles geklärt ist und meine Familie nicht noch Sachen wie Lebenslauf und Bankdaten zusammentragen müsste. Eine Todesanzeige will ich nicht, aber vorher das Haus aufräumen und putzen.«
Sie schweigt kurz, wohl weil ihr bewusst wird: Das geht nicht in einer Nacht, vieles müsste wohl demnächst erledigt werden.
Nun zum zweiten Gedanken: Würde ich heute Nacht sterben, dann ist es, wie es ist, und ich wäre dankbar.
Dankbar, wem gegenüber?
»Gott gegenüber, dem Leben gegenüber. Mir wurde so viel geschenkt: Ich habe einen guten Mann, zwei wunderbare Kinder, ein Haus, einen Job, gute Menschen, Freunde um mich; ich lebe an einem sicheren Ort, kann Kurse besuchen, kann Neues kennenlernen, bin frei und unabhängig – die Dankbarkeits-Liste ist lang und unvollständig.«
Danke für dieses Gespräch, Sabina.
Martin Schuppli, Mitte Juli 2026


