Tim Binnewies: «Loslassen tut weh, wenn Liebe da ist»

Tim, wer bist du?
Ich bin 55 Jahre alt, verheiratet. Meine Frau Silke und ich haben einen 18-jährigen Sohn, Luis. Meine Frau stammt aus der Münchner Gegend, ich bin in Kiel/Schleswig-Holstein aufgewachsen. Ursprünglich komme ich aus Indien, wurde jedoch als Baby adoptiert, daher auch mein deutscher Nachname.
Ich habe zuerst eine Ausbildung zum Industrieelektroniker gemacht, anschliessend Biomedizintechnik studiert und später im Bereich Bioinformatik/Mikrobiologie promoviert. Viele Jahre war ich als Manager in unterschiedlichen Positionen und Unternehmen tätig.
Du hast einen neuen Job im Fricktal. Bitte schildere kurz, was du machst.
Nach vielen Jahren in der Industrie/Wirtschaft bin ich ins Gesundheitswesen, genauer in die Spitalwelt, gewechselt.
Seit dem 1. April 2026 bin ich CEO/Spitaldirektor des Gesundheitszentrums Fricktal AG in Rheinfelden.
Als Vorsitzender der Geschäftsleitung darf ich gemeinsam mit unserem Führungsteam ein Gesundheitszentrum mit über 1’000 Mitarbeitenden, drei Spitalstandorten, zwei Pflegeheimstandorten sowie mehreren Arztpraxen führen und weiterentwickeln.
Seit wann engagierst du dich in der Hospizgruppe? Wie hast du uns gefunden?
Ich bin seit November 2024 Mitglied der Hospizgruppe und seit Mai 2025 im Vorstand, manchmal geht es schneller, als man denkt. Ich wohne mit meiner Familie in Mels und habe damals einfach im Internet herumgesucht. So bin ich auf die Hospizgruppe Sarganserland gestossen. Dann hatte ich mein erstes Gespräch mit Elisabeth und Andrea, und ab da war klar: Ich komme hier nicht mehr so einfach raus. Zum Glück! (Tim lacht)
Warum dieses Engagement?
Das lässt sich gar nicht in einem einzigen Satz beantworten. Vielleicht hängt es auch damit zusammen, dass ich als Baby adoptiert wurde und in meinem Leben unglaublich viel Gutes erfahren habe. Ein Teil von mir möchte davon etwas zurückgeben.
Gleichzeitig spüre ich eine starke Verbundenheit zu Menschen in Ausnahmesituationen. Es berührt mich, ihnen beistehen zu können. Dann bin ich ein kleiner Baustein, wenn sie versuchen, ihr Leben neu auszurichten oder wieder Halt zu finden. Für mich fühlt sich dieses Engagement einfach richtig und erfüllend an.
Deine Aufgaben im Verein?
Ich habe das Privileg, im Verein zwei Rollen bekleiden zu können. Einerseits begleite ich mit grosser Passion Menschen in herausfordernden Lebenssituationen. Ich bin ausgebildeter Sterbe- und Trauerbegleiter für Kinder, Jugendliche und Erwachsene und habe zusätzlich Weiterbildungen in kognitiver Verhaltenstherapie (CBT) sowie in würdezentrierter Therapie absolviert.
Du bist auch als Bestatter tätig.
Dieses ehrenamtliche Engagement eröffnet mir eine weitere Perspektive im Umgang mit trauernden Menschen. Auch dort habe ich bereits einige sehr bewegende Momente miterlebt.
Andererseits kann ich meine fachlichen und persönlichen Erfahrungen im Vorstand einbringen. Diese Kombination aus direkter Begleitung und strategischer Mitarbeit empfinde ich als äusserst bereichernd.
Wann wurdest du erstmals mit Leben und Sterben, mit dem Tod konfrontiert?
Meine erste bewusste Begegnung mit dem Tod hatte ich während eines Einsatzes im ärztlichen Notdienst. Ich unterstützte den Arzt damals als Assistent und sah zum ersten Mal einen verstorbenen Menschen. Interessanterweise erinnere ich mich bis heute an den Namen.
Später waren es vor allem meine Grosseltern, die im Laufe der Jahre verstorben sind und mich erneut mit den Themen Leben und Sterben konfrontiert haben.
Was hat es mit dir gemacht?
Ich glaube, es hat mich sensibler gemacht – für Menschen, für ihre Geschichten und für das, was oft unausgesprochen bleibt. Es hat in mir den Wunsch gestärkt, Menschen in schwierigen und in den letzten Lebensphasen nicht allein zu lassen.
In meinem beruflichen Alltag bin ich es gewohnt, Probleme zu lösen, Entscheidungen zu treffen und Veränderungen voranzubringen. Durch die Begleitung schwerkranker und sterbender Menschen habe ich jedoch voller Demut gelernt, dass wir manchmal verzweifelt nach Lösungen suchen, obwohl es nichts mehr zu lösen gibt.
Genau dann geht es nicht mehr darum, etwas zu reparieren oder zu verändern. Dann sollten wir uns ganz darauf fokussieren, für den Menschen da zu sein, zuzuhören, auszuhalten, Nähe zu schenken und den Moment gemeinsam zu tragen. Diese Erkenntnis hat sich tief in mir verankert. Sie erinnert mich immer wieder daran, dass kein Mensch solche Momente allein durchstehen sollte.
Wer sich in der Hospizgruppe engagiert, weiss: Das Leben ist endlich. Was bedeutet das für dein Leben?
Hospizarbeit macht die eigene Endlichkeit des Lebens spürbar.
Für mich entsteht daraus kein persönlicher emotionaler Druck, sondern ein klareres Bewusstsein dafür, was mir wirklich wichtig ist: Beziehungen, Menschlichkeit, Dankbarkeit, Hilfsbereitschaft, Demut.
Die Endlichkeit ist für mich nicht bedrohlich, sie macht das Leben wertvoller.
Du hast schon oft an Betten gesessen, hast Menschen betreut, die in deiner Anwesenheit gestorben sind. Was machte das mit dir?
Ja, ich durfte bereits Menschen in ihren letzten Momenten begleiten. Wenn ein Mensch stirbt, wird es oft ganz still, nicht nur im Raum, sondern auch in mir. Diese Momente sind geprägt von einer tiefen Ruhe im Raum – einer besonderen Würde und Atmosphäre.
Angst machen sie dir nicht?
Im Gegenteil: Sie erfüllen mich mit Dankbarkeit. Dankbarkeit dafür, dass dieser Mensch nicht allein gehen musste und dass ich ihn auf diesem letzten Abschnitt seines Weges begleiten durfte. Es ist ein grosses Privileg, in einem so intimen und bedeutenden Moment Vertrauen geschenkt zu bekommen.
Diese Erfahrungen haben meinen Blick auf das Leben verändert. Sie erinnern mich daran, wie kostbar Zeit ist, wie wichtig echte Begegnungen sind und dass unsere Präsenz manchmal das Wertvollste ist, was wir einem anderen Menschen schenken können.
Was macht die Begleitung mit dir?
Sie erdet mich und relativiert vieles. Dieses Nahesein zeigt mir, was im Leben wirklich Gewicht hat. Ich empfinde dabei vor allem Respekt, Demut und Dankbarkeit.
Kannst du loslassen? Das Leben beispielsweise, einen geliebten Menschen?
Loslassen? Ich glaube, das üben wir alle ein Leben lang.
Bei geliebten Menschen wird es niemals leicht sein. Durch die Hospizarbeit sehe ich aber, wie unterschiedlich Menschen loslassen, und das macht mich selbst gelassener und ruhiger im Umgang mit diesem Thema.
Loslassen tut weh.
Aber nur dort, wo Liebe ist. Wo keine Liebe ist, muss ich auch nichts loslassen.
Für mein eigenes Leben wünsche ich mir, dass ich es eines Tages mit einem ruhigen, friedlichen Herzen loslassen kann.
Hast du Angst vor dem Sterben?
Nein, ich habe keine ausgeprägte Angst vor dem Sterben. Natürlich weiss ich nicht, wie es sich anfühlen wird, wenn der Moment wirklich da ist. Jeder Mensch reagiert anders, und vieles lässt sich nicht planen. Aber im Grundgefühl trage ich keine grosse Furcht in mir. Vielleicht, weil ich bisher ein erfülltes Leben führen durfte und Vertrauen darin habe, dass auch dieser letzte Schritt seinen Frieden haben kann.
Glaubst du an ein Weiterleben nach dem Tod? Kommen wir wieder?
Ja, ich glaube an ein Weiterleben nach dem Tod. Einerseits aus meinem Glauben heraus, aber auch, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass unser Geist, unsere Einzigartigkeit und all unsere Fähigkeiten einfach im Nichts verschwinden sollen.
In deinen Augen eine Verschwendung.
Ja, das wäre eine ungeheure Verschwendung. So achtlos, so sinnlos können weder Gott noch die Natur sein. Für mich spricht vieles dafür, dass etwas von uns weiterbesteht und es weitergeht.
Was macht es mit dir, wenn ich dir sagen könnte, du schläfst heute Nacht still und friedlich ein. Für immer.
Ich glaube, der Gedanke würde mich erst mal traurig machen, es gibt noch so vieles, was ich erleben und gestalten möchte.
Und doch wäre da auch Dankbarkeit.
Kannst du das erläutern?
Dankbarkeit für mein Leben, meine Familie, meine Eltern, für eine behütete Kindheit und eine grossartige Ausbildung. Ich durfte so viel lernen, eine eigene Familie gründen, wir sind gesund und führen ein glückliches Leben. Auch beruflich habe ich vieles erreicht. Eigentlich – was könnte ich mir mehr wünschen?
Deine Vision für unsere Arbeit, für den Verein? Was können wir bewirken?
Meine Vision für unsere Hospizgruppe ist recht einfach.
Wir sind für noch mehr Menschen im Sarganserland ein Ort der Orientierung, der Ruhe und der Menschlichkeit.
Wir helfen aktiv, die Berührungsängste abzubauen, und das Thema Sterben und Trauer wird wieder als natürlicher Teil des Lebens in unserer Gesellschaft akzeptiert.
Du sprichst damit unsere Sichtbarkeit an.
Definitiv, wir können so viel bewirken, wenn wir sichtbar sind – für Betroffene, für Angehörige, aber auch für Menschen, die einfach jemanden brauchen, der an ihrer Seite bleibt.
Ich wünsche mir, dass wir weiterhin als Hospizgruppe wachsen, nicht nur in Zahlen, sondern auch in unserer Wirkung. Dass wir Mut machen, das Sterben und Trauern nicht als Tabuthema zu sehen, sondern als Teil des Lebens. Und dass niemand das Gefühl haben muss, diesen Weg allein gehen zu müssen.
Wenn wir Menschen ein wenig Halt schenken, ihnen Geborgenheit geben oder einfach nur zuhören, bewirken wir oft mehr, als uns bewusst ist.
Ein schönes Schlusswort, Tim Binnewies. Danke fürs Gespräch.
Martin Schuppli, Mitte Juli 2026


